16. Juni 2008 at 03:33
Der Wunsch all die coolen und absonderlichen Einfälle aus dem Regelbuch ins eigene Spiel zu bringen kann durchaus einen Gehirnkrampf auslösen. Man fühlt, dass UA-Abenteuer anders sein sollten als andere Horror-/Mystery-Thriller, weil das GRW so ungewöhnlich ist. Aber wo soll man diese abgefahrenen Ideen herbekommen, fragt man sich. Und so sitzt man zu Hause vor dem leeren Blatt und verwirft jede Idee als nicht außergewöhnlich genug.
Es ist aber gar nicht nötig, sich dermaßen ins Zeug zu legen, um das spezielle UA-Gefühl aufkommen zu lassen. Die Regeln und die Beschaffenheit der Welt machen das ganz von allein - das ist ja Großartige an UA. Ich habe hier im “Haus” bereits auf einige Abenteuer hingewiesen, die nicht für UA geschrieben wurden, aber trotzdem dafür geeignet sind..
Es folgt eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie man “normale” Abenteuer - egal ob aus eigener Kreativität oder von anderen Systemen - in UA-Abenteuer umbaut.
- Erschaffe alle wichtigen Charaktere nach den UA-Regeln. Die Regeln sind so aufgebaut, dass man automatisch einen dreidimensionalen Fanatiker bekommt, wenn man ihnen folgt. Legt der Spielleiter die Motivationen, Impulse, Obsessionen und Obsessionsfertigkeit für die wichtigen SLCs fest, hat er eine Figur mit starken Zielen, die bereit ist, für diese Ziele über Leichen zu gehen.
- Lege ein paar Werte für die weniger wichtigen Charaktere fest. Ein paar Werte reichen, vielleicht sogar einer. In “Wetterleuchten” habe ich für die SLCs, mit denen die Charaktere aller Wahrscheinlichkeit nach nicht kämpfen werden, nur eine einzige Fertigkeit festgelegt. “Rüstiger Rentner mit Schrotflinte im Keller 40 %”, mehr muss man häufig gar nicht wissen. (Diese Methode macht es übrigens auch sehr leicht, Spielwerte für SLCs zu improvisieren.) Wird noch eine Obsession oder Motivation gebraucht, kann diese auch noch aufgeschrieben werden.
- Sorge dafür, dass hinter allem die freie Entscheidung eines Menschen steht. Du möchtest eine coole Geistergeschichte schreiben, mit Spukhaus und Verfolgungsjagd? Kein Problem. Wenn der Geist von einem Fanatiker gerufen wurde oder selbst zu Lebzeiten entschieden hat, eine Rachegeist zu werden, ist die Geschichte für UA genauso gut wie jede andere. Irgendein fieses Monster? Vielleicht wurde es von einem Mechanomanten gebaut oder durch ein Ritual zusammengesetzt? Es gibt Monster in UA, sie kommen nur selten allein vor und sind häufig aus menschlichen Beweggründen heraus entstanden (wie z. B. die Golems).
Den Rest erledigen die Regeln für dich. Sorgst du dafür, dass Menschen hinter allem stehen und erschaffst diese Menschen nach den UA-Regeln, hast du eine oder mehrere Gruppen von Fanatikern, die irgendetwas wollen. Stehen die Charaktere dazwischen, bekommst du ein schnelles und gefährliches Abenteuer mit Gegnern, die in die UA-Kosmologie passen (du hast ja sicher auch Archetypen und Adepten zwischen den SLCs der Geschichte). Mehr braucht man nicht an speziellem Flair.
Zwei Beispiele:
Eine Entführungsgeschichte, bei der die Charaktere von dem Entführer quer durch eine Stadt geschickt werden, wenn sie das Lösegeld übergeben wollen. Ist der Entführer ein Geschichtsmagier, verändert es sich ganz automatisch vom “normalen” Thriller zum UA-Thriller. Er könnte immer wieder Kleinigkeiten der Entführungsgeschichte “umschreiben” und somit für viel surreale Szenen sorgen.
Ein Kult verbreitet eine magische Droge, die die Welt für seinen “Herrn” bereiten soll. Der “Herr” kann genauso ein Monstergott sein, wie wir ihn aus z. B. Cthulhu kennen. Aber wie wird die Droge denn verteilt? Könnte der Kult z. B. mit einem Zweig von Mak Attax zusammenarbeiten (sie verteilen die Droge in Sparmenüs diverser Filialen einer bekannten Fast-Food-Kette)? Er hat es geschafft der naiven Gruppe einzureden, dass die Droge die Menschheit auf die Magie vorbereitet und den Tiger weckt ohne ihn in Rage zu versetzen. Jetzt muss der Mak-Attax-Zweig nur noch mitbekommen, dass er hereingelegt wurde und die Charaktere müssen irgendwie in die Ereignisse gezogen werden. Oder die Droge wird im Rotlichtmilieu einer großen Stadt verkauft. Hier geraten die Dealer natürlich mit einer Gruppe des Kults der nackten Göttin aneinander. Oder vielleicht bekommt auch einfach Alex Abel davon Wind und will die Droge unter seine Kontrolle bringen, um sie für seine Zwecke zu benutzen. Was mag wohl bei den Untersuchungen geschehen, der die Droge unterzogen wird?
Ihr seht: Versetzt man eine beliebige Geschichte in die Welt von UA (mehr als die Regeln und die Informationen aus dem Grund- und den Quellenbüchern braucht man dabei nicht), verändert sich ihre Stimmung von ganz allein und wird so “typisch Unknown Armies“.
11. Juni 2008 at 03:33
9. Juni 2008 at 03:33
Abenteuerideen zum magischen Gegenstand “Anime of Death”.
Lebensretter
Einer der Charaktere sieht seinen Tod. Die Umstände sind recht deutlich dargestellt und es zeigt sich, dass das Leben seines Sohn (oder eines anderen Verwandten, Geliebten, guten Freundes o. ä.) durch den Tod des Charakters gerettet wird.
Die Vision ist ungewöhnlich: In der Szene sitzt der Junge mit Klebeband gefesselt auf einem Klappbett in einem alten Bunker mit hunderten dieser Betten (einer der inzwischen nicht mehr zur Benutzung gedachten Atombunker, die die deutsche Regierung im kalten Krieg unter Berlin bauen ließ). Mehrere Leute neben ihm unterhalten sich, eine Waffe auf den Jungen gerichtet, mit dem Charakter, der immer wieder mit dem Kopf schüttelt, mit den Schultern zuckt und auf die Geiselnehmer einredet. Ganz offenbar wollen sie etwas, das er nicht hat. Dann erschießen sie den Jungen.
Die Szene wiederholte sich in der Vision, doch diesmal zieht der Charaker auch eine Waffe - und wieder wird der Junge erschossen.
Beim dritten Durchlauf ist das Gespräch länger und heftiger. Der Charakter rudert mit den Armen, schüttelt vehement mit dem Kopf und springt schließlich vor. Im darauffolgenden Nahkampf wird er erschossen, doch ein paar ebenfalls anwesende Männer (die anderen Charaktere in der Spielgruppe) können die Entführer überwältigen.
Nur Minuten nachdem die Spielerfigur den DVD-Player ausgeschaltet hat, piept sein Handy und er erfährt, dass sein Sohn entführt wurde.
Charlie White I
Ein Adept namens Charlie White sah vor kurzem seinen Tod. Die Spielercharaktere waren alle Teil der Vision. Um Unsterblichkeit zu erlangen, hat er Mörder auf die Charaktere angesetzt.
Charlie White II
Ein paar mächtige Feinde von Charlie White haben Zugang zu seiner Todesvision erhalten und wollen die Charaktere nutzen, um seinen Tod herbeizuführen. Vielleicht bauen sie mechanomantische Doppelgänger der Charaktere, erpressen sie oder versuchen anderweitig, sie zur Mithilfe zu bewegen.
Todesinszenierung
Ein Entropomant sah die DVD. Er will eine mächtige Ladung erlangen, indem er die dargestellte Todesszene inszeniert, sie aber überlebt. Die Charaktere waren Teil der Vision oder werden anderweitig in die Vorbereitungen hineingezogen.
Zugang
Die Charaktere erhalten Zugang zur Todesszene eines mächtigen Feindes. Aus eigenem Antrieb oder als Auftrag versuchen sie, ihren Feind zu ermorden.
7. Juni 2008 at 03:33
5. Juni 2008 at 03:33
“Anime of Death” ist nicht der richtige Name dieser japanischen Zeichentrick-DVD, es ist der im okkulten Untergrund verwendete Spitzname. Der Film heißt eigentlich “The Leviathan of Toyama” und erzählt in sechs Episoden von einem riesigen Monster mit Fledermausflügeln und Tentakeln, das durch Toyama in Japan wandert, Leute frisst und Häuser zerstört. Die Protagonisten sind unterschiedliche Japaner, die dem Monster begegnen und meist gefressen oder zertrampelt werden. Die Geschichte ist weder sehr originell noch spannend, könnte aber der Ideengeber für den Kinofilm “Cloverfield” gewesen sein, da sie wie dieser aus der Froschperspektive erzählt wird.
Die amerikanische Version - eigentlich wurde der Film nur für das japanische Publikum hergestellt -, die den Spitznamen “Anime of Death” erhielt, wurde von Fans mit Untertiteln versehen und mit einer selbstgemachten Hülle über das Internet und schließlich einige einschlägige DVD-Shops verkauft. Der Hülle sieht man schon von Ferne an, dass sie ein Fanprodukt ist: Sie ist schlecht eingescannt, der englische Titel stümperhaft mit einem Bildbearbeitungsprogramm eingefügt und der restliche japanische Text unverändert gelassen worden.
In den USA wurden vielleicht 250 Stück von der DVD verkauft, ca. 600 weltweit außerhalb von Japan, und die meisten davon dürften unerkannt in DVD-Sammlungen vor sich hingammeln oder im Müll gelandet sein. Das japanische Original ist zwar recht weit verbreitet für Sammler innerhalb und außerhalb des okkulten Untergrunds aber wertlos. Für den Sammler ist es die Hülle, die den Film als Hobbyprodukt und Sammelobjekt ausweist, für den okkulten Untergrund ist von Bedeutung, dass nur die quasi-legale Fan-DVD ihre spezielle Wirkung auf den Zuschauer ausübt.
Wie viele Animes enthält der Film “Flimmersequenzen”, d. h. lange Szenen, die hauptsächlich aus flimmernden Farben bestehen, die verschiedene Dinge wie große Geschwindigkeit, Drogeneinfluss oder magische Kräfte symbolisieren. Eine dieser Sequenzen gegen Ende des Films ist fast 15 Minuten lang, kann bei Epileptikern Anfälle auslösen und verursacht bei den meisten Erwachsenen Kopfschmerzen. In der Szene hält ein unter Drogen stehender Arbeitsloser das Monster für eine Gottesvision, die mit viel Geflimmer und einigen surrealen Bildsequenzen dargestellt wird. Sieht ein Zuschauer den Film im Ganzen und wendet den Blick nie von der angeblichen Gottesvision (die übrigens damit endet, dass der Mann von einem Tentakel zerquetscht und anschließend verschlungen wird), sieht er in den bunten Farben seinen eigenen gezeichneten Tod.
Seit das Wissen über die Wirkung des Films die Runde gemacht hat, ist der halbe okkulte Untergrund hinter der DVD her. Was könnte mächtiger sein, als das Wissen, unter welchen Umständen man stirbt? Zum Leidwesen der Adepten zeigt die Sequenz zwar einige Umstände des Todes - vielleicht wo man sich befindet, oder anwesende Personen - sagt aber nicht, wann man stirbt. Vielleicht erfährt man die Uhrzeit durch eine in der Vision gezeigte Uhr, aber niemals den Tag - bisher jedenfalls nicht. Das gezeichnete Selbst ist, wenn es in der Vision überhaupt gezeigt wird, alterslos.
Guckt man den Film mit anderen Leuten zusammen, sieht man auch deren Tod in den wirbelnden Farben der Gottesvision, je mehr Personen involviert sind, desto undeutlicher werden allerdings alle Visionen.
Im Untergrund hat sich inzwischen ein kleiner Handel mit dem Wissen um den Tod von bestimmten Personen entwickelt - rege genug, dass die Informationen fast schon wieder wertlos sind, da gefälschte Daten in großen Mengen verkauft werden. Manche Macher verbreiten auch gezielt Fehlinformationen, um Feinde in die irre zu führen, die versuchen könnten ihre Todesumstände herbeizuführen. Glaubhafte Gerüchte, jemand hätte den Film gesehen, erhöhen außerdem seine Macht, denn wer die Umstände seines Todes kennt, kann sie vermeiden und gilt als schwer zu besiegen oder sogar unsterblich.
[Nächste Woche gibt es Abenteuerideen zum "Anime of Death".]